#001 — beginnings

That the powerful play goes on, and you will contribute a verse.

—WALT WHITMAN


Dear new Friend: An adequate form for poetry on the web is long overdue. Verse presents a first step in that direction — a departure to a new way for enjoying poetry, however and wherever you want it, with a focus on the triad of poem, reader, and poet. Verse presents fine works of select contemporary poets in English & German, entirely for your pleasure. This is the first issue. It is about “Beginnings”.

—February 2014

Featured Poets:

//Douglas S. Jones
//Lydia Daher
//Thérese Halscheid
//Sina Klein
//Iván Iglesias
//Lyrikkollektiv G13


Douglas S. Jones

Discretion at the Back of the Bus

Like anywhere those days, it was all mouthfuls
of Fun Dips and snorts of Pixie Stix. Outside,

Farmer So-And-So’s orchard sped by,
crowned by circling Turkey Vultures.

This emergency exit real estate
was where we pushed against

the world, its droughts and dry-rot:
the topics lingering in conversation

above the dinner butter dish. For this while
no math, no Periodic drills—

just the first dares of what our bodies
could take: the rubber band’s welt, the crystalized sting

of sugar up the nose. Just the first small taste
of a kind of shared privacy, shameless and enduring.

Still Life with Argument

We throw skillets down
to the linoleum, shout at each other
with the coldness of the refrigerator’s open door,
lob insults like pickle jars. Between new articulations of mess,
we wait to hear the dog licking
just to yell at him to stop. Nights like this,
everything the mouth can do is an insult.

Winter Fragments

···

the spider hanging from the porchlight
also ascends

···

the snail is a snowball
that is always melting

···

sometimes smoke
curls like segments
of the caterpillar before
its unweaving:
raw silk
sitting in the air

···


Douglas S. Jones is a man of many merits, including glass blowing, which he teaches besides writing in Kalamazoo, Michigan. His poems are carefully crafted pieces made of smelted-down shards of the divinely ordinary, the culinarily inspired, of man in the animal and animal in the man.
Douglas is still a rare beast on the internet, but not in print: his poems have appeared in or are forthcoming in The Pinch, Blackbird, Barrow Street, Sentence, and elsewhere, his extraordinary poem “Centrifugal” has been featured in American Life in Poetry, and his volume No Turning East appeared with Pudding House.


Lydia Daher

So fängt es immer an

Mit einem Springbrunnen.
Mit einem Schattengitter auf dem Fuß.
Mit Leuten wie uns
und ihrer Fortsetzung vom Ende.

Es ist ein Sonntag aus
Sonne und Wasser.
Und ich schaffe es nicht,
an Treibholz zu denken,
während ich deine Füße betrachte.

Die Module der Wolken,
die über uns mauern.
Die Flucht der Schwalben.
Die faulenden Blätter.
Ich möchte dir das nicht erklären:

Wie schnell man sich
an die Schönheit gewöhnt.

Der Tag ist perdu, die Vögel pfeifen.
Der Anblick von Herbstlicht
auf deinen Armen war eben
noch irgendwas wert.

Die Fenster in diesem Abteil

nach Jürgen Becker

Fahrtlärm, Dämpfe, Erinnerungen:
zwei Menschen am Ende des Gangs.
Links und rechts fallen Schwalben,
heruntergeschrien vom Himmel.
Schwere Transporte aus Bitterfeld.
Drei Bagger auf sandigen Brachen.
Die Tage nach dir sind noch nicht gezählt.
Aber jemand wird den Anfang machen
mit einem Blick oder Versprechen.
Einer wird weiter gehen als du.
Durch mich hinein in einen Raum
zum Fliegen.

Kutikula

Es war spät, im Mai.
Der Frühling fiel in sich zusammen
wie eine falsche Vermutung –
und der Himmel brach frei
und fand einen Ausweg.
Ich stützte mich auf Gegenwart.
Dachte: Abschied ist nur eine Metapher,
und ritzte: Abschied ist eine Metapher
in den Panzer einer reglosen Puppe.
Ich taufte sie Kutikula,
denn es klang schön,
nach Zauberspruch
oder dem Schlachtruf der Fibrillen.
Panzer, hurra, Kutikula –
wurde umtanzt am Espenast
von siebzig wollnen Kätzchen.
War Mittelpunkt im Mobile der Mumien,
dacht ich und lag noch lange still im Gras,
dem Knistern ihrer Häutung lauschend.
Und als ich nach Stunden erwachte,
da war ich grüner noch als sonst
hinter den Ohren,
mit einem Schmetterling
zum Feind.

—alle Gedichte aus: Insgesamt so, diese Welt. Voland & Quist, 2012.


Lydia Daher beschäftigt die Anatomie der Begegnung, des Zusammentreffens und -seins mit sich und der Welt. Was sie sagt, sagt sie verständlich, keineswegs aber lapidar. Im Gegenteil entdecken bei ihr die kleinen, scheinbar eindimensionalen Dinge manchmal eine wunderbare, manchmal eine erschreckende Tiefe.
Lydia Daher hat schon etliche Preise heimgetragen und musste Interviews in fast allen deutschen Zeitungen geben, die noch etwas gelten. Ihre Musik ist ziemlich gut. In Kürze erscheinend bei Voland & Quist: Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies.


Therése Halscheid

First Orbit

It was enough to feel you through my clothes
and later to lie beside you, and later
in the loft, still dressed, to turn toward you
on my side.

We know well of rotations.

You pull me over you
and my body orbits, slow, as if
weightless in space, going beyond
the atmosphere of noise, then clouds, up
where our eyes turn to stars, where
your hand cups my waist
as a sliver of moon.

Don’t look down, you say. Not yet. Yet,
we remain like a sky that cannot fully undress.

I question the heart and what it will hold.
I worry too much over earthly things:

of gravity, of time,
that what began in the dark, the dawn
would soon burn off.


Therése Halscheid is a rambler. She teaches creative writing wherever possible in varied settings, including colleges & high-schools. Widely traveled, she inspires, delights, and connects people over and across the globe. Aside from artist residencies, since 1993 she has been a house-sitter to write; in rugged swamps, log cabins, elk farms and adobe homes.
An outcome of this nomadic lifestyle is her Visual Diaries, multi-sensual exhibit of photographs and poetry. Therése is the author of four poetry collections, her poetry and prose have been published in a huge variety of places. She is one of the few poets who was able to publish a Greatest Hits collection.


Sina Klein

un poil dans la main

im augenwinkel stauben braune falter.
ich halte ein haar in der hand, um zu altern,
ich starr es am ende noch brüchig und grau:
wenn ich hochseh, schau ich genau
in den grünen star – ich habe

ein haar in der hand

das muss von einem tier gekommen sein,
wie interessant, dass es gerade hier
gelandet ist, ich halte es und teile es durch vier,
es ist mit mir verwandt, so abgetrennt
im warten auf den wind – gespalten.

verschütt

laßt die thiere in frieden,
ich leids nicht, daß ihr sie stört

als wir verschütt gegangen waren
in den waben der stadt,
im dunkelsten honig
die fühler verbargen und summten,
da fielen die farben von uns ab

– da waren wir nackte immen
im wachdienst, schwitzten,
verschlossen mit wachs alle fenster
und tagten uns tiefer in den beton;
als wir verschütt gegangen waren

gaben wir die legenden über
die wände weiter, weißt du noch
– die weiselzelle, wie sie roch?
da war auch der mond und ich sprach
in sechs nischen hoch n von den
verschütteten.


Sina Klein ist 1983 in Düsseldorf geboren, wo sie auch lebt. Sie studierte Romanistik, schreibt Lyrik und rezitiert. Oft „kippen“ ihre Gedichte vom Bekannten ins „Unwirkliche, Chaotische um“ (Bettina Hohoff), stellen so die gewohnte Wahrnehmung auf den Kopf und thematisieren Paradoxien des inneren Erlebens. 2013 war sie Finalistin beim Literarischen März, seit 2012 unterstützt sie das Literaturmagazin PROTO redaktionell. Gedichtveröffentlichungen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien, zuletzt in Gegenstrophe (Nr. 5). Im Herbst 2014 erscheint ihr Lyrikdebüt narkotische kirschen im Klever Verlag.


Iván Iglesias

Only You

Little horse
Tiny cat
Small dog
and more…
Lying across my way.

Plastic pots
Wooden spoons
Pretty cups
In search of their own space
Remain lost on the filthy carpet.

Then…
A loud cry
catches my eye
And I can sense the putrid smell
That controls the space I dwell.

I see…
A puffy
crawling figure skulking around
While pouring out a slimy substance
From a naked
open mouth.

Slow
Wobbly
Robotic movements approach me…

I look down
And you are there
With your pretty face
Borrowed from your mother

You again…

Only you!


Iván Iglesias is a native of Colombia, now an “Arkansas Traveler” and ambassador of the state. He is a PHD-candidate in Comparative Literature and Cultural Studies concentrating on violence in Latin American Literature, and has had teaching appointments across the United States, now as a full-time Assistant Professor at John Brown University.
In his poems, it is clear to observe his obsession with the passing of time and the theme of Death. In his presence, it is clear to observe his sincerity and kindness.


Lyrikkollektiv G13

das war absicht

(Auszug)

wenn es losgeht, soviel sonnenbrille kannst du gar nicht fressen. meine füße sind eine neurotische zunge über dem off, mein haar ein ball, dem ich manchmal vertraue. es sieht gut aus, wenn ich einen tankdeckel berühre, das ist absicht. restless leg, nervöser kiefer. es ist besser wenn man abends fährt, besser, verstehst du?

ich hab das gelernt, tankstelle, benzin und so. regeln für die regel, kein feuerzeug an feuerstellen, kein abgas in lastern. brennt es in kleingärten, träum ich von tannen. von freiheit, was ihr fall mir bedeutet. brennt es in den tannen, zöger ich nicht. sattle den mustang, pomade im haar, sag: na bidde, 200 km/h auf der trasse und ist das nichts? hinterm horizont kommt ein neuer morgen, kommt die erinnerung an dinge, die ich nicht erlebt habe, milch und sirup, bienen und so, summt die antwort meiner heckscheibe: ja, ich liebe das immer noch immer noch immer noch.

abwarten also, ich steh an der ampel, allmählich verlieben sich die ersten passanten in mich, sie brauchen keine 5 minuten dafür und meinen es ernst. ich nehm die abkürzung, 500m durch einen nie enden wollenden mittag, ein besen auf der straße macht krchkrch, eine asthmatische lunge über asphalt. wir rauchen im gleichschritt, wünschen uns, was mama nicht kannte: leichtigkeit, ein heißes würstchen für zwischendurch, frostschutz und rabattmarken bei km 370. love me tender, love me true, ein scheerkamm geht mir durchs haar, dieser tick aus jeder reise ein exil zu machen, den koffer ans ende vom lichtstrahl zu tragen, wer weiß schon, was das wirklich heißt?

ich bins, bin umzingelt von ungeheuern und paraphrasen. dressierte floskeln, an dieser stelle ist alles genauso gemeint. wir weinen heimlich, sagt jemand, FUKA FUKA, ich will noch bei aral vorbei. dann mit dieser frühstücksmine zwölf packungen halbe sauber über den tisch. ich sehe mich aus dem wagen stürzen, ich sehe mich mit sieben meilen geschultert über außenspiegel desertieren, über die knisternde leuchtreklame mitten am tag, kahle monitore, parade nach san marino, denk ich: scheiße, elvis denkt: yeah, ichdenkewieelviswaselvisdenkt: scheiße yeah. wenn die sonne nicht zuschlägt tut’s keiner, oder es tut weh. ich kenne keinen halt mehr, dreh die lautstärke auf gegen das sichere wissen, eine regel zu verletzen, die ich genau kenne. obacht! dies ist eine deutsche ampel, schwarz-rot-fick dich, ich bin schon hinterm comer see.

ein abschließender blick in die schwummelkiste: SCHWUMMELKISTE? BIST DU DIR SICHER? auf dieser bulle zeichnen unten
stehend edelleute in der reihe
für ein rechteck dessen inhalt folgt sobald der rest der reihe feststeht

sich schämen für die flüchtige haltung, das bisschen protest. es fehlt an autorität, es endlich in den mund zu nehmen. dabei sind wir es immer, die stramm stehen, wir wechseln im grunde nur das revers, hocken im graben und halten zwischen lastern den kopf in die luft. diese urige angst, jemand ko?nnte mit dem finger auf dich zeigen und sagen: du!

ich steig aus, diese reise macht keinen sinn mehr, schlag ein, gummi frisst sich in asphalt, ein demotape leiert durchs getriebe und hinter den tälern beginnt ein neuer berg, neuer morgen. ich dreh um, fahr den ganzen weg zurück, ohne handtuch, ohne seife im koffer und frühstück. die augen ein loses gebälk am kühler, am hang trabt die herde, die brennende herde. herr, vergib uns, schenk uns erlösung, eine stange kaumgummi, duftbäume, ein feuchtes tuch an der zapfsäule und haare.

wenn an dieser stelle etwas durchgeht, was nicht mehr bedeutet, dass wir an gewalt zu glauben haben, wenn unser innenleben auswandert, uns übermittelt wird, wir seien archive, parkhäuser in einem neu erschlossenen gebiet, wo die zwerge aufs dach steigen und sagen: los, die ganzen träume in den ärschen der leute sich einen partyhut aufsetzen, wenn wir diese beschissene ampel endlich verlassen haben und schlafen gehen, mit dem sicheren wissen, es gibt eine neue art aufzuwachen, dann ist elvis mit uns bei aral.

—aus: das war absicht. SuKuLTuR, 2013.


G13 ist das wohl umtriebigste Lyrikkollektiv und Zuhause einiger der hellsten Geister der deutschen Lyrikszene. Seine Mitglieder, alle zwischen ’80 und ’90 geboren, legen ihre Lyrik auf den Seziertisch, präsentieren und diskutieren sich, veranstalten Lesungen und Workshops, finden zusammen und wehren sich gegen Konkurrenzdenken und den Dichter als isoliertes, geheimniskrämerisches Genie.
Bei ihren kollektiven Werken ballert und fetzt einem der gezielte Überschwang der G13 nur so um die Hirnrinde. Von diesem Elan kann man sich auf einer Tour des Kollektivs wegblasen lassen, oder von der bei luxbooks erschienenen Anthologie 40% Paradies und dem Band das war absicht von SuKuLTuR. Jede_r Einzelne dieser jungen Wilden sollte zudem näher ins Visier genommen werden.