#003 — momentary stays

Maybe this is what the poets warned about—Werther and Wordworth and Whitman, all the wigged-out piners down the ages—maybe it wasn’t precisely petunias and print media and high-speed rail they were worried about, but this exact moment.

—Michelle Orange, from This is Running for Your Life


Dear Friends of Verse,

I’ve kept you waiting and I would love to say: that was the purpose of this “momentary stays / verweilen” issue. Don’t believe it. My enchantment with this title stems, of course, from Frost’s famous dictum that a poem, at best, ends in a “momentary stay against confusion”. There is, however, a dynamic in this lingering, without which this small, intermittent triumph would not be possible: delight, inclination to an impulse, direction, luck, wildness of logic, surprise. See if you agree.

—almost June 2014

Featured Poets:

// Sascha Kokot
// Terri Witek
// Kathrin Bach
// Jacob Collins-Wilson
// Shlomo Licht
// Sarah Kersey


The artwork was contributed by Kevin Kopacka, a painter and video artist whose works often try to encompass a vacancy, a blank, that uncanny void we carry around with ourselves, but usually refuse to spend time with. Kevin lives and works in Berlin, and exhibits across Europe.


Sascha Kokot

3 Gedichte

ich schneide eine immer kleinere Form
für meine Tage die Stunden bei Licht
wenn wir unsere Strecken ablaufen sollen
unter den anrollenden Gewittern
die uns vergessen zurücklassen
mit trägen Schwalben auf den Leitungen
später nähern sich große Hornissen oder
eine versprengte Patrouille vom abfallenden Gelände
nichts Aufregendes geschieht hier
nur werden wir zermahlen
zwischen den letzten Tagen die es
kleingeschnitten zu schlucken gilt
den staubigen Rest wäscht mir die Nacht
im Schlaf aus den Kleidern

···

am Morgen wenn die Hände noch streiken
den Katzen das Fell bis über die Pfoten reicht
sammelt sich Windbruch auf dem Steinboden
und es wartet dazwischen die schwarze Kohle
der alte Heizer kehrt seine Wörter zusammen
bevor er beginnt in regelmäßigen Zügen zu schippen
so verbringt er die Tage im Moderlicht unserer Keller
wärmt uns die Wohnungen und bleibt
im Treppenhaus grußlos zurück
uns Kindern sagt man dem Vater fehle die Zunge

···

seit deiner Abfahrt
warte ich auf die Nächte
das Einrieseln der Kälte
doch niemand gibt ein Zeichen
es fehlt deine Unruhe
die mich in den Schlaf drängt
solange fressen sich die Tage ein
flimmern die Stunden vorüber
werde ich zunehmend ungehalten
auch bieten die Betten keinen Schutz
sie sind von Tieren besetzt
durch ihre Nickhäute beobachten sie mich
wie ich ohne Gepäck dir langsam nachkomme


Sascha Kokot schreibt Lyrik, bei der einen die Augenblicke in Scheiben schneiden. Es ist das Fragen nach einem Ort, einem Zeitpunkt, einer Person, das so weh tut, dass man sich in der Wiederholung Linderung zu schaffen sucht. Natürlich ist das keineswegs nur unangenehm. Im Gegenteil; sowie die Welle stets an dasselbe Ufer schwappt, spült sie den Schatz frei.
1982 in der Altmark geboren, bog Sascha Kokot zunächst in die Informatik ab, mit einem Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig wandte er sich der Photographie und dem Schreiben zu. Man liest bisweilen, seine Gedichte entfalteten nur in einer Vollzahl — wie in seinem Debütband Rodung (2013), erschienen bei Edition AZUR — ihre Macht und subtile Fülle, doch allein diese gedrungene Selektion hier beweist das Gegenteil.


Terri Witek

Photography Today (a surveillance tape)

I’m saying give notice 20 square feet of what is it
I’m saying one last LA brush-off (a face?)
one son like beautiful shoes from the 70’s no not
like music the shot still slightly hung over and one
of the large ones (a window?) OK I’ll come back for you
just I can picture it endless birds the terrible thing
if you went to the sea my god I believed in the excellence
of objects 11,000 steps to his forefinger hiding
no not like music gloves in the other what I love is
the erasing of water panicked jumping out getting
pulled I’m saying shoot there end here you know
it’s sunlight a miniature maybe a series maybe Sierra
Leone OK I’ll come back for you didn’t come looking
I’m saying I have done nothing for you as I semi-know


Terri Witek has published five poetry collections, among them winners of the Florida Book Award and the Center for Book Arts Contest. Born in northern Ohio, she teaches English at Stetson University, where she holds the Sullivan Chair in Creative Writing and regularly receives awards for her outstanding teaching.
Throughout her career she has worked with visual artists, and the reverberations between mediums is explored in much of her work. Her collaborations with Brazilian new media artist Cyriaco Lopes have been featured in galleries or site-specific projects in New York City, Los Angeles and elsewhere. Of late, she’s been collecting and collaging what people say while they’re working—hitches in a surveillance tape—and she was so generous as to share one of those hitches in Verse.


Kathrin Bach

rückenwind

ein rückenwind
kräftig wie zehn deiner hände
drückt sich in mein hohlkreuz
drückt feinglieder in mich hinein
tiere stecken nun in mir fest
sitzen zwischen vorder-
und hinterhaut stechen
von innen nach außen tropfen
dass ich zu einem raum werde
mit wänden einem flur

aggregat

ich habe den fluß lange fließen gesehen
nun ist er ein durchsichtiges brett
an manchen stellen siehst du fische
ich weiß nicht ob es noch fische sind
im juli presse ich mich nackt darauf
damit ich im august von oben hinein
teil des brettes werde in etwa ein fisch
daraufhin drückst du deinen körper
gegen meine neue glasige umgebung
das brett unter dir verfärbt deine haut
bis du zu mir hinunter schwappst

gut in der zeit

das meer als bassin gefüllt
mit versenkten schiffen aus plastik
gabeln und messer und teller
blaue weintrauben als korken
stecken uns zwischen den lippen fest
unter uns der steg wie eine zunge
streckt sich den jollen entgegen
ich hab meine hüftknochen
für dich einpacken lassen
in segeltuch das kannst du nun hissen


Kathrin Bach ist 1988 geboren, irgendwo in Hessen aufgewachsen und hat dann ein Studium der Kultur­wissen­schaften & Ästhe­tischen Praxis und des Lite­rarischen Schreibens begangen. Sie schreibt Lyrik, Prosa und angeblich hin und wieder einen Brief.
Man weiß nicht genau, ob ihre Gedichte körperlich gespannt oder einfach entspannt körperlich sind, in jedem Falle sind sie es nur irgendwie. Zu leugnen ist aber nicht die gleichsam schöne, reizende Materialität der Teile, der Tiere, des Tuns. Es wird wohl Zeit für eine Sammlung.


Jacob Collins-Wilson

Day 2

The bathroom windowsill is a melted snowman
naked & wondering where your contact cases went.
Everything is lonelier now. And whiter.

I tried turning the light off & back on.
Even spun the fan, started the shower,
walked backward with my eyes closed & hands patiently at my sides like still swings.

Let us talk about when
your black glasses case found me
in the morning: It was a bird
splashing in a pond. I paused, just before getting into the shower
& watched the steam dance around it;
I could smell your cinnamon eyes.

Why don’t you give me your hair tie
so I can look a little more like your father?
You’re still lying, face pressed into the pillows,
maybe crying, maybe smiling, maybe stifling
another joke. I’m still tilting the hot pan
watching the grease slip back and forth
waiting for it to cover every inch. I will pour the batter
& you’ll roll over, thank me, pour too much syrup
& eat. Even then, I’ll know you’ll put both cases
into your bag, head home, even if it’s raining, & I’ll wait
with the window open
for spring to come with the wind.

I Will Raise An Army

Your shoulders make me want to raise an army and burn down the Capitol.
—From Matthew Dickman’s “Getting It Right”

In some moments, I wonder if this will be a moment I remember.
—T.D.

So I think a little bit harder
pressing the sound of your breathing
into my brain like a heated brand.

The first time I wanted to remember,
music moored us to the Earth while
electricity shocked our bodies
out and out and out into other orbits.

Every day I’m afraid
I’ll lose the images
then the smells will slide off
then your skin
& the moles on your back
the birthmark on your throat
the slope of your nose
your lips on mine—
Tell me, what hope
have I against time?


Jacob Collins-Wilson is the high-gain, high-fiving English high-school teacher you wish you’d had. His poetry appeared in Spillway, Hobart, Spry, Split Lip, and Crack The Spine (Selected for Summer Anthology) among others, in addition to being a finalist for the Best of the Net 2013 anthology and recipient of an Atlantic Center for the Arts residency with Patricia Smith. While some of his poems deal almost obsessively with minuscule details of Baseball philosophy, this selection shows his sensibility for the fabrics of togetherness. In August he starts earning an MFA in Poetry at Syracuse University. He can be reached by everyone at emailingjacob@gmail.com (preferably, if you’re in for a game of baseball).


Shlomo Licht

Halbschatten

Wir lagen im Halbschatten
Und lasen Faldbakken
Und das Eis tropfte Dir aufs Kinn.

Auf unseren Faltmatten
Ruhten halb kalt Backen
Wir wandten sie zur Sonne hin.

Dein halbseidenes Kleid bebte
Es roch nach Lavendel und Eibe.

Dertod

Er kommt auf leisen Sohlen,
Dich im Schwimmbad abzuholen.
Schlüpft aus seinen Badelatschen.

Die Pommes
mit Mayo beglücken Dich nicht.
Bomben aus Arsch, beglitzert
von Gischt;
der Propeller der Cessna
zerpflückt Dein Gesicht.

Eintausend wehende Blätter von Mohn,
Kohlweißlinge blühen umeinander.
Nein. Es ist bloß
ein Currywurstdurcheinander.

Und Dein Hirn fliegt, wie lieblich,
über Fliesen des Fußbeckens.

Es ist noch Nacht

Es ist noch Nacht übrig von gestern.
Lass uns auf Socken in die Küche hocken,
die Luft anhalten und Zerbröseltes mit klebrigen Fingern zu Stapeln stapeln.
Umarmt formen Ohren den ersten Tunnel zwischen zwei Hirnen
und spüren, dass mein Herz noch brummt vom Bass des Erdkerns.


Shlomo Licht wuchs in den 80ern im Zweistromland auf und verkraftet Grenzen bis heute nicht gut. Gegen Ende einer Kindheit in Calw entdeckte er eine Ausgabe von Ginsbergs Howl, studierte daraufhin Philosophie und Physik in Heidelberg und Pisa und schrieb für verschiedene Zeitungen. Er lebt und arbeitet in der toskanischen Provinz.
Seine Lyrik zeugt von einer Besessenheit mit Zeitfenstern, die, einmal geöffnet, die Sicht auf lediglich einen weiteren Augenblick hinter der Oberfläche freigeben, wie ein Zoopraxiskop sich um sich selbst drehen und so wiederholbar sind, dass man sich nicht daran sattsehen mag. Ende des Jahres erscheint sein erster Gedichtband.


Sarah Kersey

I Spar By Myself

All humans live in air, not on ground.
Formed from soil, float around.
Scattered brains, mind contains
follies of thoughts, volleyed.
Hey, she, they:
Are ideas conveyed
In terms of
Weight, in “is per are,” or is/are.
No drying, no crying.
All humans glide together.
Pulled towards one another.
If one goes home=the other goes home,
Then both are home.
If one goes out=the other goes out,
Then both are out.
If one spills…
…then the other is separate.
The one cannot flow into the other.
The other will always be dry.
It’s like when a vase gets snatched up just in time
when the wine spills across the table. Spills always cry. Vases are dry.
Thus, one can never assume that the other thinks or talks about him as much…
…because he doesn’t. For, every single mention of A is equal to the half-mention of B. If your name starts with T, he’ll only cross the smallest one when balancing his checkbook.
Meanwhile, the one is dreaming about the other every single night, and he clamors
for sleep. As a result, one must learn to deal with the newly-acquired
irrelevance. How to be irrelevant…without crying.
Smiling while dialing the morgue.


Sarah Kersey is a young poet and musician, living and writing in Northern New Jersey. She is an experienced poetry slammer and her poems have been featured in Catch & Release. With the human at their center, her poems often follow the musical steps that a universal human rhythm seems to dictate, making them almost melodies of man & woman.